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Letztes Update:
24. Januar 2022 - 13:39

57. Internationale Filmfestspiele Berlin - Berlinale 2007

In der Einöde des Bewusstseins

„AlleAlle“ (Pepe Planitzer, D 2007)

Weit ist der Himmel über den Brachen Süd-Brandenburgs. Darunter irrt Hagen (Eberhard Kirchberg) durch die Einöde. Hagen ist geistig „behindert“ und eigentlich auf der Reise zu seinem Neffen. Allein, er ist zu früh aus dem Zug ausgestiegen und trifft, wie das Leben als Film so spielt, auf Hajo Dohmühl (Milan Peschel), Gerüstbauer mit unbrauchbarem väterlichen Erbe, Säufer und Modellbau-Träumer, dessen Truck gerade in der brandenburgischen Weite verreckt ist. Hagen, ein Kraftpaket an Muskeln, schiebt das Gefährt auf Dohmühls Hinterhof – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ...
Vertrautes Angeln in den unverständlichen Weiten des Lebens: Milan Peschel (links) und Eberhard Kirchberg in „AlleAlle“ (Foto: Berlinale)
Wäre da nicht auch noch Ina (Marie Gruber), Dohmühls Nachbarin, der er vergeblich nachstellt, denn von so einem Loser hätte sie nichts zu erwarten. Dass jetzt Hagen und seine „Of Mice and Men“-Ratte mit im verwarzten Domizil Dohmühls sind, macht die Sache nicht gerade einfacher. Ina will keinen saufenden Loser mit Verrückt-Anhang – oder vielleicht genau so einen? ...
In „AlleAlle“ erzählt Pepe Planitzer eine zarte, leise Geschichte, die sich ihrer Längen nicht schämen muss. Längliches Scheitern am Leben ist als Thema auf der Berlinale ohnehin en vogue. Es braucht aber einige Zeit, bis Dohmühl begreift, welche Perle ihm das Leben, dem er kaum noch vertraut, vielmehr haltlos mit ihm kämpft, da zugespielt hat: Hagen ist zwar „minder bemittelt“, aber jene Seele von Mensch, die man sich nur wünschen kann. Seine Kraftakte katapultieren Dohmühl aus seiner selbst gezüchteten Einsamkeit, plötzlich scheint die Sinnlosigkeit umso sinnvoller. Mag sein, dass die Geschichte fortan noch mehr Haken schlägt, dass Ina, gerade noch in Dohmühls verschissenem Bett gelandet, in der Dorfkneipe ihre gepeinigte Freundin derart verteidigt, dass sie deren zudringlichem Ehemann ein Messer in die Brust rammt. Mag auch sein, dass sie dafür ins Gefängnis muss, aber wegen Notwehr vorzeitig frei kommt. Mag auch sein, dass man sich das Trio Dohmühl, Hagen, Ina nicht richtig vorstellen kann – allein, sie sind am herbstlichen Happy End die „Zusammenlegung jetzt“, die wohngemeinschaftlich revolutionäre Hoffnung.
Planitzer führt seine Schauspieler zu Höchstleistungen, allen voran Eberhard Kirchberg als Debiler, der in seiner Wortlosigkeit doch weiser ist als seine nicht „behinderten“ Kombattanten. Milan Peschel gibt den Verlierer Dohmühl so authentisch, wie er den berlin-brandenburgisch frotzelnden Akzent nicht nur sprachlich beherrscht.
Gleichwohl wird es „AlleAlle“ im Kino so schwer haben wie alles, was nicht laut brüllt, sondern leise und konzis seine Geschichte erzählt. Und das genau ist eine Hoffnung des deutschen Kinos, das es sich ganz bewusst nicht leicht macht. So ratlos mancher Pressevertreter nach der Vorführung scheint, so glänzend vor ehrlich mitfühlenden Tränen sind doch seine Augen. Kino, das sich was traut – mehr davon könnten wir gebrauchen, bevor wir vor lauter mainstreamigen Wettbewerbsbildern „allealle“ sind. (jm)
AlleAlle, D 2007, 90 Min., 35 mm. Buch: Pepe Planitzer (frei nach „Burnout“ von Oliver Bukowski), Regie: Pepe Planitzer, Kamera: Uwe Mann, Schnitt: Katrin Ewald, Darsteller: Eberhard Kirchberg, Milan Peschel, Marie Gruber, Produktion: It Works Medien GmbH, Annekatrin Hendel. www.AlleAlle.de
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